Notfallplanungen bei Störfall in einem Atomkraftwerk

Anfrage zur Sitzung des Rates der Stadt Göttingen am 8. April 2011

Das Atomkraftwerk Grohnde an der Weser ist Luftlinie 65 Kilometer nordwestlich von Göttingen entfernt. Die vorherrschende Windrichtung ist Nord-West-West.
Die unbeschreibliche Tragödie in Japan hat gezeigt, dass allen Beschwichtigungsversuchen zum Trotz auch die Technologie in modernen Industrienationen wie Japan niemals sämtliche Umstände berücksichtigen können wird, die den von Menschen ab einem gewissen Punkt nicht mehr kontrollierbaren Einsatz von Kernkraft/radioaktivem Material zur Gewinnung von Energie auch nur annährend rechtfertigen. Atomkraft und Atomkraftwerke sind niemals zu 100% sicher! Auch der Versuch, durch die Überprüfung der Atomkraftwerke, die vor 1980 gebaut wurden, das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung zu befriedigen, hindert nichts an dem Fakt, dass Atomkraftwerke nicht sicher sind und sein können.
Das Atomkraftwerk Grohnde ist 1985 in Betrieb genommen worden und gehört damit nicht zu den Atomkraftwerken, die stillgelegt worden sind. Auch für die Zukunft ist aufgrund der aktuellen politischen Mehrheiten nicht damit zu rechnen.

Vor diesem Hintergrund und dem der unbeschreiblichen Tragödie in Japan fragen wir die Verwaltung:

1. Welche Notfallplanungen bestehen für den Fall, dass es in dem am nächsten an Göttingen gelegenen Atomkraftwerk Grohnde zu einem Zwischenfall kommt, der auch die Gefahr in sich birgt, dass radioaktiv-verseuchte Luft Göttingen erreichen könnte?

2. Wie ist die Verwaltung der Stadt Göttingen eingebunden in das Notfallmanagement von Bund und Landesregierung in einem solchen Fall?

3. Wie wird der Informationsfluss in einem solchen Fall gegenüber den verantwortlichen Stellen bei der Stadt Göttingen durch den Bund, das Land und die AKW-Betreiber sichergestellt?

4. Gibt es außer Grohnde noch weitere, ggf. geographisch weiter entfernte Atomkraftwerke, bei denen, sollte es zu Störfällen in erheblichem Ausmaße kommen, Göttingen davon betroffen wäre, z. B. wegen vorherrschender Windrichtungen?

Antwort der Verwaltung auf die Anfrage
Sitzung des Rates am  08.04.2011
Thema: „Notfallplanung bei Störfall in einem Atomkraftwerk“
Antwort erteilt: Erster Stadtrat Suermann

Zu Fragen 1 bis 3:
Sollte es durch einen Zwischenfall im AKW Grohnde zu einer Freisetzung von radioaktiver Strahlung kommen, wird diese Strahlung durch Messsonden gemessen und an das Lagezentrum von Bund und Ländern gemeldet. Von dort werden ggf. Warnungen herausgegeben und nachgeordnete Stellen informiert. Im ganzen Bundesgebiet sind im Verantwortungsbereich des Bundesamtes für Strahlenschutz knapp 1900 Messsonden verteilt, die jede Veränderung bei der natürlichen radioaktiven Strahlung feststellen und melden. Ein Messpunkt befindet sich auch in Göttingen (Standort angegeben mit 37083 Göttingen). Über das Internet http://odlinfo.bfs.de/cvdate/031520121.html sind die Messergebnisse abrufbar. Zusätzlich sind im Katastrophenschutz (1) und bei der Berufsfeuerwehr (3) insgesamt vier Fahrzeuge vorhanden, die ebenfalls bei Bedarf radioaktive Strahlung messen können.
Im Falle einer Freisetzung von radioaktiver Strahlung sollen nach der Planung von Bund und Ländern Kinder- und Jugendliche bis 18 Jahre und Schwangere vorsorglich mit Jodtabletten versorgt werden. Hierdurch soll bei den genannten Personen die Schilddrüse mit Jod angereichert werden, so dass der menschliche Körper radioaktives Jod aus der Umgebung nicht mehr aufnehmen kann. Für weitere Personengruppen ist eine Verteilung von Jodtabletten nicht vorgesehen.
Die Jodtabletten werden zentral in Niedersachsen gelagert und würden durch das Land im Bedarfsfall an die Katastrophenschutzbehörden ausgeliefert. Anschließend würde die Verteilung und Ausgabe über die in der Bevölkerung bekannten Wahllokale erfolgen.
Seitens der Stadt Göttingen wurde der erforderliche Bedarf mit Hilfe des Einwohnermelderegisters ermittelt und dem Land gemeldet. Weiterhin ist eine Notfallplanung zur Übernahme der Jodtabletten, Verteilung an die Wahllokale und Ausgabe an die Bevölkerung erstellt worden.
Die Information der Bevölkerung erfolgt über Rundfunk und Fernsehen direkt durch das Land Niedersachsen.
Der Austausch von Informationen erfolgt über die Polizeidirektion Göttingen an Land und Bund und umgekehrt. Zu diesem Zweck würden nach den übergeordneten Notfallplanungen auf allen Ebenen Lagezentren betrieben, die rund um die Uhr erreichbar sind. Eine direkte Kommunikation mit dem Betreiber eines AKW erfolgt durch zentrale übergeordnete Stellen.
Seitens der Stadt Göttingen als Katastrophenschutzbehörde würde ebenso wie seitens des Landkreises der Katastrophenschutzstab einberufen. Dieser hält bekanntlich regelmäßig Übungen ab, die teilweise auch zusammen mit dem Landkreis Göttingen durchgeführt werden.

Zu Frage 4:
Göttingen liegt ausschließlich im sog. 100km Gefährdungsradius um das AKW Grohnde. Sollte eine unmittelbare Gefährdung der Stadt Göttingen durch andere AKW gegeben oder zu befürchten sein, wird nach denselben Grundsätzen wie im Falle des AKW Grohnde verfahren.