Medikamentenrückstände im Göttinger Abwasser

Über die Abwässer der Haushalte gelangen große Mengen von Arzneiwirkstoffen in die Umwelt: Hormone, Schmerzmittel oder Psychopharmaka zum Beispiel. Mit den Ausscheidungen kommen Medikamentenrückstände ins Abwasser. Da sie in Kläranlagen nicht aus dem Wasser entfernt werden, gelangen sie schließlich in Flüsse und andere Gewässer. Dort sammeln sie sich auch im Muskelgewebe von Fischen, führen aber auch zu einer zunehmenden Verweiblichung z.B. von Wasserschnecken. Die Stadt Mannheim sah sich daher dazu veranlasst ein Pilotprojekt umzusetzen, um gefährliche Spurenstoffe aus dem Abwasser zu eliminieren.

Nach Angaben des deutschen Umweltbundesamts (UBA) in Dessau gelangen in Deutschland jeden Tag mehrere Tonnen Arzneimittelwirkstoffe in Gewässer und Böden. Besonders problematisch sind zum Beispiel Hormone wegen ihrer starken Wirksamkeit und Schmerzmittel, die in großen Mengen eingenommen werden. Viele Arzneistoffe sind schwer abbaubar.

Wir fragen die Verwaltung:

1. Wurde dieses Thema bereits unter Fachleuten in der Verwaltung diskutiert?
2. Zu welchen Ergebnissen ist die Verwaltung gekommen?
3. Wurde das Göttinger Abwasser in der Vergangenheit auf Medikamentenrückstände untersucht?
    Wenn ja, zu welchen Ergebnissen kam die Untersuchung?
4. Welche Anstrengungen werden unternommen um Medikamentenrückstände und andere gefährliche Stoffe aus dem
    Abwasser zu filtern?
 

STELLUNGNAHME DER VERWALTUNG
zur Anfrage Der SPD-Fraktion
im Rat der Stadt vom 14.03.2013
T H E M A: Medikamentenrückstände im Göttinger
 

Abwasser
Dezernat / Eigenbetrieb Göttinger Entsorgungsbetriebe (GEB)
Die Göttinger Entsorgungsbetriebe verfolgen seit Jahren die Diskussionen, Veröffentlichungen,
Stellungnahmen und Einschätzungen in der Fachöffentlichkeit zum Thema
Medikamentenrückstände im kommunalen Abwasser.
In der Einschätzung der Situation, die sich im Abwasser Göttingens nicht anders darstellt als in
anderen Städten Deutschlands, und den daraus resultierenden Handlungsempfehlungen
schließen sich die Göttinger Entsorgungsbetriebe vollinhaltlich den Veröffentlichungen des
Umweltbundesamts an (siehe hierzu die beigefügte Presseinformation Nr. 07/2012 des
Umweltbundesamtes) Anlage 1
Im Rahmen einer Masterarbeit an der Uni Göttingen wurde bereits in den Jahren 2009/2010 der
Ablauf der Göttinger Kläranlage auf einzelne Medikamentenrückstände untersucht. Die
Ergebnisse sind im Anhang beigefügt. Anlage 2
Allgemein wurde von der Uni Göttingen ausgeführt, dass die Göttinger Kläranlage auch im
Winter eine ausgesprochen gute Reinigung des Abwassers liefert. Vor Allem im Vergleich zu
anderen kommunalen Kläranlagen.
Da die Restkonzentrationen im Nanogramm-Bereich keinerlei gesetzliche Grenzwerte oder
toxikologisch Alarmwerte erreichen, ist derzeit kein akuter Handlungsbedarf bezüglich einer
weiterführenden Abwasserreinigung gegeben. Die Göttinger Entsorgungsbetriebe werden
allerdings die laufenden Forschungen und Diskussionen weiterverfolgen, um gegebenenfalls
erforderliche Maßnahmen rechtzeitig ergreifen zu können.

 

Pressemitteilung Bundesumweltamt 07/2012

Schmerzmittel belasten deutsche Gewässer

Jährlich mehrere hundert Tonnen an Arzneimitteln im Abwasser

In deutschen Gewässern und Böden lassen sich Arzneimittelrückstände mittlerweile immer häufiger nachweisen. Das belegen aktuelle Daten aus Forschungsprojekten und der Gewässerüberwachung. Jeden Tag gelangen mehrere Tonnen an Arzneimittelwirkstoffen in die Umwelt, hauptsächlich durch die menschliche Ausscheidung, mehrere hundert Tonnen pro Jahr zusätzlich durch die unsachgemäße Entsorgung von Altmedikamenten über die Toilette. Wie sich diese Substanzen auf die Umwelt auswirken, wird derzeit nicht systematisch untersucht. Diese Lücke muss nach Auffassung des Umweltbundesamtes (UBA) ein zulassungsbegleitendes Umweltmonitoring schließen. „Die Vorsorge beim Umgang mit Arzneimittelrückständen muss verbessert werden, denn diese Stoffe können problematisch für die Umwelt sein. Eine bessere Überwachung soll helfen, Belastungsschwerpunkte und ökologische Auswirkungen von Medikamenten zu erkennen und die medizinische Versorgung umweltverträglicher zu gestalten.“, erklärt UBA-Präsident Jochen Flasbarth.

Vorkommen und Auswirkungen von Arzneimitteln in der Umwelt werden nach Meinung des Umweltbundesamtes unterschätzt. Wegen des demografischen Wandels unserer Gesellschaft wird die Konzentration von Humanarzneimitteln in der Umwelt vermutlich noch weiter zunehmen. Jochen Flasbarth: „Das UBA empfiehlt daher, ein Umweltmonitoring für Arzneimittel einzuführen. Es soll bereits im Zulassungsprozess für Medikamente verankert werden. Dadurch kann der Schutz der Umwelt gestärkt und die Versorgung der Patienten umweltverträglicher gestaltet werden.“

Eine aktuelle Literaturstudie, die im Auftrag des Umweltbundesamtes durchgeführt wurde, führt die aus Umweltsicht besonders problematischen Arzneimittel auf. Die Studie enthält Daten zu Verhalten und Vorkommen von Arzneimitteln in der Umwelt, priorisiert nach Verbrauchsmenge, Umweltkonzentration und umweltschädigendem Potenzial. Von den 156 in Deutschland in verschiedenen Umweltmedien nachgewiesenen Arzneimittelwirkstoffen wurden 24 mit hoher Priorität eingestuft. Das bedeutet, dass diese Stoffe ein hohes Potential haben, Umweltorganismen zu schädigen. Einer dieser Wirkstoffe ist das weit verbreitete Schmerzmittel „Diclofenac“, welches Nierenschäden in Fischen hervorrufen kann und mittlerweile in sehr vielen Gewässern zu finden ist. Es steht deshalb auch auf der EU-Kandidatenliste für neue so genannte prioritäre Stoffe zur EG-Wasserrahmenrichtlinie.

Arzneimittel gelangen hauptsächlich mit dem häuslichen Abwasser in die Umwelt. Die meisten Stoffe werden nach der Einnahme – oft unverändert – wieder ausgeschieden. Schätzungsweise mehrere hundert Tonnen pro Jahr nicht verbrauchter Medikamente entsorgen viele Bürger unsachgemäß direkt über Spüle oder Toilette. Da viele Kläranlagen heute noch nicht in der Lage sind, alle Stoffe rückstandslos abzubauen oder zurückzuhalten, erreicht der Rest, wenn auch stark verdünnt, die Flüsse und kann dort besonders empfindliche Organismen wie Fische dauerhaft schädigen. Um gezielt Minderungsmaßnahmen bei der Abwasserreinigung in Kläranlagen ergreifen zu können, muss die Belastungssituation mit solchen Problemsubstanzen jetzt identifiziert werden.

Selbst im Trinkwasser können sehr geringe Konzentrationen enthalten sein. Pro Liter Wasser handelt sich dabei um Bruchteile von Mikrogramm. Zur Demonstration: Ein Mikrogramm pro Liter entspricht etwa der Zuckerkonzentration in einem 50 m-Schwimmbecken, in dem ein Stück Würfelzucker aufgelöst wurde. Trinkwasserhygienisch sind diese Arzneimittelspuren zwar unerwünscht, für den Menschen besteht dadurch aber keine Gesundheitsgefahr. Alle jetzt zu treffenden Maßnahmen zum Schutz des Trinkwassers dienen deshalb der Vorsorge und langfristigen Versorgungssicherheit, nicht der Abwehr konkreter Risiken.

Weitere Informationen und Links:

Die Prüfung der Umweltwirkungen von Arzneimitteln ist EU-weit fester Bestandteil der Zulassungsverfahren. In Deutschland ist das Umweltbundesamt seit 1998 für die Umweltrisikobewertung von Human- und Tierarzneimitteln zuständig. Im Falle eines Umweltrisikos kann das Umweltbundesamt Auflagen zur Risikominderung erwirken oder bei Tierarzneimitteln sogar die Zulassung verweigern. Die Umweltrisikobewertung bei der Zulassung beruht u.a. auf berechneten Umweltkonzentrationen. Ein systematisches Monitoring der tatsächlichen Umweltkonzentrationen gibt es bisher nicht. Das soll sich nach Wunsch des Umweltbundesamtes in Zukunft ändern. Ein an die Zulassung gekoppeltes Monitoring kann dazu beitragen, die tatsächlichen Umweltkonzentrationen von als kritisch eingeschätzten Arzneimitteln zu bestimmen und das Umweltrisiko besser einzuschätzen.

Gutachten „Zusammenstellung von Monitoringdaten zu Umweltkonzentrationen von Arzneimitteln“:
http://www.uba.de/uba-info-medien/4188.html

Ergebnisse des Workshops „Monitoring von Arzneimitteln in der Umwelt - Notwendigkeit, Erfahrungen und Perspektiven für die Arzneimittelzulassung“:
http://www.umweltbundesamt.de/chemikalien/arzneimittel/workshop_monitoring_arzneimittel.htm

Das Umweltbundesamt hat vor kurzem eine Empfehlung für praktische Minderungsmaßnahmen zum Schutz des Trinkwassers herausgegeben, die bereits am Beginn der Verschmutzungskette ansetzen:
http://www.umweltdaten.de/wasser/themen/trinkwasserkommission/massnahmeempfehlung_hamr.pdf

Publikation des Umweltbundesamtes und des Instituts für Sozialökologie in Frankfurt/Main: Handlungsmöglichkeiten zur Minderung des Eintrags von Humanarzneimitteln und ihren Rückständen in das Roh- und Trinkwasser:
http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-medien/4024.html

Dessau-Roßlau, 08.02.2012
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